Ein Reisebericht

Dober dan, hvala, cevapi – einge Brocken auf Bosnisch habe ich bei meinem ersten Besuch in Tuzla vom 4.-8. Juni 2018 aufgeschnappt, aber ich fürchte, diese Sprache ist für mich mit Mundart Berndeutsch schwierig zu lernen. Leichter fällt es mir, die düstere Realität der Abfallbewirtschaftung in Tuzla zu verstehen. Jedenfalls war mir bei meinen ersten Stadtbesichtigungen, die von Dzemila Agic, Direktorin CEE geleitet wurden, sofort klar, dass hier manches noch im Argen liegt. Matthias Zimmermann, der mich von Basel aus nach Tuzla geführt hat und der schon seit dem Start des CEE dabei ist, bestätigte diesen Eindruck. Das Abfallgesetz der Föderation Bosnien und Herzegowina baut zwar auf den modernen Grundsätzen auf: Vermeidung, Verminderung durch Separatsammlung, nachhaltige Entsorgung, Verursacherprinzip usw., aber von der Umsetzung ist noch wenig zu sehen. Nur gerade im Stadtteil Kula, wo das CEE die ersten Separatsammlungen einrichten konnte, sind die Ansätze erkennbar; in den übrigen Quartieren prägen überfüllte Abfallcontainer und herumliegender Hauskehricht das Strassenbild.

Dzemila und Matthias führen mich in die Aktivitäten des CEE ein mit Fokus auf dem Projekt «Tuzla spart Ressourcen». Die Umsetzung des neu erarbeiteten Abfall-Bewirtschaftungsplan 2017-2022, der vom Stadtparlament verabschiedet wurde, hat erst begonnen. Ein Gespräch mit dem Vertreter des Stadtpräsidenten zeigt mir, dass die Stadtbehörde hinter dem Projekt steht. Ende Jahr wird das Projekt abgeschlossen, bis dahin sollen die ersten Erfolge einem Monitoring unterzogen werden. Wichtig ist auch der Start zur Kompostierung des Stadtgrüns bis Ende Jahr. Der Platz für die Anlage ist bereit, es fehlt noch ein Häcksler. Auf dem Gelände der Deponie von Tuzla (siehe Bild oben) steht eine Sortieranlage, um das Separatsammelgut in PET, Papier, Metall etc. zu zerlegen. Das Deponie-Personal wirkt nicht sehr motiviert, die stinkenden Abwässer, die ungeklärt aus der Deponie in den nächsten Bach fliessen, erschrecken offensichtlich nur noch mich. Zuständig wäre der Chef der städtischen Entsorgungsfirma Komunalac; er ist zum Flaschenhals in der Umsetzung des Abfall-Bewirtschaftungsplan geworden.

Wie soll es ab 2019 weitergehen? Mit Dzemila und Matthias skizzieren wir weitere Umsetzungsschritte und insbesondere auch die Replikation in andere Städten Bosniens. Ergebnis ist ein Projektantrag beim REPIC-Fonds. Zu unserer grossen Enttäuschung wird er im Oktober abgelehnt.

Mein Besuch lehrt mich nicht nur die grossen Probleme in Tuzla mit Abfall und Gewässerschutz. Dzemila zeigt mir Messergebnisse zur Luftqualität: Winterliche Feinstaub- und Schwefeldioxidbelastungen wie in chinesischen und indischen Mega-Cities. Die sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes sind aber vordringlich und werden prioritär behandelt. Ein Grund zur Resignation? Nein, Dzemilas Vision ist ungebrochen, sie folgt dem Wort Albert Schweitzers: «Mein Erkennen ist pessimistisch und mein Wollen und Hoffen optimistisch.» Um sie herum entstehen solche Funken für optimistisches Handeln, die auch auf mich überspringen und mich motivieren, nach meiner Rückkehr wenigstens einen Häcksler zu suchen. Martin Zumstein, der CEO von REAL Recycling Entsorgung Abwasser Luzern, den ich aus früheren Umweltprojekten in der Zentralschweiz her kenne, schickt auf unsere Anfrage hin eine Suche an seine Verbandsgemeinden. Root verfügt über einen Häcksler, den die Gemeinde nicht mehr braucht, weil neuerdings eine kommunale Bioabfall-Sammlung eingerichtet wurde. Die Kontakte mit der Gemeinde sind ermutigend. Sie bietet der Stadt Tuzla den Häcksler für einen symbolischen Preis von 800 CHF zum Verkauf. Zusammen mit Matthias besichtigen wir den Häcksler in Aktion. Herr Rogenmoser, Werkhofchef der Gemeinde, setzt sich wohlwollend für den Handel ein. Die Gemeinde stellt die Rechnung aus, Komunalac bezahlt, wenn auch nicht grad sofort, und beauftragt eine Speditionsfirma für den Transport. Bis alle nötigen Schriftstücke für die Grenzübertritte von der Schweiz durch Italien, Slowenien, Kroatien nach Bosnien beisammen sind, braucht es etliche Klimmzüge. Mitte Dezember fährt dann aber ein bosnischer Lastwagen in Root vor, und drei Tage später trifft der Häcksler wohlbehalten in Tuzla ein (siehe Bild oben). Jetzt hoffen wir, dass er unter kundigen Händen seinen Dienst bald aufnehmen wird.

Jürg Heldstab

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